Eine vierte Lebensetappe

Die Älteren unter uns sind gewohnt, ihre Lebenszeiten im Wesentlich in drei Etappen einzuteilen: das Heranwachsen in Kindheit und Jugend als Zeiten der Ausbildung, die Phase des Familiengründung und des Arbeitslebens und danach die Zeit der Pensionäre. Diese Dreiteilung hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten durch eine „dazwischen geschobene“ vierte Etappe erweitert: die Generation der 50plus.

Eine soziologische Studie
Der Osnabrücker Soziologie-Professor Dr. Dieter Otten hat im Jahr 2008 unter dem Namen „50plus-Studie“ ein Buch veröffentlicht, das aufhorchen ließ. Er schreibt darin: „Schon sehr bald wird mehr als die Hälfte der Deutschen über 50 Jahre alt sein und Deutschland wird unausweichlich zur Republik der Älteren. Aber Menschen zwischen 50 und 70 sind heute nicht »alt«, es sind keine Methusalems, keine Alten im Sinne des Klischees, sondern Menschen mit Zukunft – das ist neu. Wir haben es zu tun mit einer neuen Mittelschicht älterer Erwachsener mit verblüffendem Verhalten: gesund, fit, sexuell aktiv, partnerschaftlich motiviert, finanziell abgesichert und politisch engagiert. Ein radikaler gesellschaftlicher Wandel von ungeheurem Ausmaß steht uns bevor. Experten sprechen von einer Kultur-Revolution des Alterns und meinen, dass die Menschen, die in jungen Jahren die kulturell-politischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts geprägt haben, nun als Ältere das Gleiche noch einmal tun werden.

Wie verändern diese Menschen das Alt-Sein bzw. Alt-Werden? Zur gesellschaftlichen Mehrheit avanciert, wird der Einfluss dieser Generation auf alle Lebensbereiche immens dominant sein, eine bislang noch nie da gewesene Situation. Der unerforschte Kontinent des Lebens der ersten jungen Altengeneration wird entdeckt, die Ergebnisse sind verblüffend.“

Kirchliche und gesellschaftliche Auswirkungen
In kirchlichen Kreisen, auch in der Schönstatt-Bewegung und in anderen geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, spielt die Generation 50plus eine große Rolle, so sehr auch das „Junge Schönstatt“ eigenständige Wege geht und „seine“ Themen bearbeitet. Menschen, die sich in Ehrenämtern betätigen, beleben und bereichern die moderne Gesellschaft sehr. Ohne ihr Engagement wären viele kirchlichen und gesellschaftlichen Initiativen unmöglich. Und wie viele Großväter und Großmütter sind für ihre Enkel eine große Stütze und Bereicherung.

Stephan Sievert vom „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ kommentiert die Erkenntnisse der Studie von Dieter Otten:

„Das Bild der ‚Alten’ und ‚Älteren’ hat sich in Deutschland stark gewandelt. In den Medien dominieren nicht mehr Vorstellungen von hilfe- und pflegebedürftigen Menschen am Rande des gesellschaftlichen Lebens, sondern solche von kaufkräftigen, lebenslustigen Menschen über 50. Die Werbung nennt ihre neue Zielgruppe ‚Best Ager’ oder ‚PEGGIs’; ein Name, der auf die Begriffe ‚Persönlichkeit’, ‚Erfahrung’, ‚Geschmack’, ‚Geld’, ‚Interesse’ verweist. Dieter Otten behandelt in der „50plus Studie“ also ein viel diskutiertes Thema. Die von ihm per Internet befragten 50- bis 70-Jährigen scheinen sich bester Gesundheit zu erfreuen. Auch bringen viele von ihnen, immerhin haben sie die Studentenrevolte der sechziger und siebziger Jahre erlebt, liberale und individualistische Ideale mit. Diese Beobachtungen haben manchen Trendforscher schon veranlasst, von einer Revolution der “jungen Alten” zu sprechen. …

Dieter Otten sieht – dem Untertitel der Studie zum Trotz – nicht, dass ‚die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren’. Aber er entdeckt in den 50- bis 70-Jährigen immerhin ein ‚ungeheures Potenzial für gesellschaftliche Veränderung … Ferner verfügen die Befragten über ein hohes Bildungsniveau, haben überdurchschnittliche Einkommen und sind körperlich durchweg in guter Verfassung. Otten kommt deshalb zu dem Schluss, dass die jungen Alten eine tragende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft Deutschlands spielen werden. …

Anhand der Daten identifiziert das Buch die Befragten als Menschen, die zwar älter, aber nicht alt sind. Ausgestattet mit einer guten Gesundheit engagieren sie sich nach dem Berufsleben in Ehrenamt oder Eigenarbeit, treiben Sport und genießen ein erfülltes Sexualleben.“

Differenzierte Sicht
Die Menschen 50plus sind natürlich eine bunte „Generation“. Sie faltet sich in viele Untergruppierungen aus. Mehr noch: In dieser reifen Lebensphase haben sich die individuellen Lebenserfahrungen in eigenständigen Lebenseinstellungen und -gestaltungen ausdifferenziert. Die seelischen Prägungen, finanziellen und gesundheitlichen Möglichkeiten sind sehr unterschiedlich.

Aber den meisten Menschen dieser Altergruppe erschließt sich jenseits der mehr äußeren Möglichkeiten, sich zu verwirklichen und in die Gesellschaft einzubringen, ein neuer Blick in die Tiefe des Lebens: die Fragen nach dem Sinn aller Geschichte, auch der eigenen, nach dem Woher und Wohin, nach dem Warum und Wozu des Erlebten. Das Hintergründige und Eigentliche der Wirklichkeit wird deutlichere wahrgenommen als früher. Eine großartige Chance, in die Tiefe der eigenen Existenz zu wachsen.

 

von Rudolf Ammann

 

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